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Sedanstraße

Benannt nach der Schlacht bei Sedan in Frankreich am 1. und 2. September 1870 mit insgesamt etwa 26.000 Toten und Verwundeten und 100.000 französischen Gefangenen. Die Schlacht markierte einen entscheidenden Wendepunkt im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Ende der Monarchie in Frankreich; im Deutschen Reich propagandistische Ausschlachtung des Sieges.

  • Datum der Benennung: vor 1905
  • Begründung der Benennung: nicht bekannt

Der folgende Text ist mit Genehmigung der Landeshauptstadt Düsseldorf/Stadtarchiv Düsseldorf entnommen dem „Abschlussbericht des Beirats zur Überprüfung Düsseldorfer Straßen- und Platzbenennungen“, erschienen im Januar 2020, S. 199-201:

Historischer Hintergrund

Die Schlacht von Sedan am 1. und 2. September 1870 markierte einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges. Mit dem Sieg der preußischen Armee endete die napoleonische Kaiserherrschaft; wenige Tag später wurde in Frankreich die Dritte Republik ausgerufen. Zum Gedenken an diesen militärischen Erfolg wurden nach der Gründung des Deutschen Reiches im Januar 1871 alljährlich der sogenannte „Sedanstag“ gefeiert und zahlreiche Denkmäler errichtet.

Militarismus

Die Schlacht von Sedan ist als Gründungsmoment des Deutschen Reiches in die Erinnerungskultur des 19. und 20. Jahrhunderts eingegangen und „gehörte zum selbstverständlichen Repertoire der [nationalen] Selbstvergewisserung“ (Kroener, S. 400). Dabei verschmolzen die vermeintliche „Entscheidungsschlacht“ und die Reichsgründung zu einem einheitlichen Mythos, der die ursprüngliche Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges weitestgehend überlagerte und die historische Wahrnehmung der Deutschen über Generationen prägte.

Nur wenige Wochen nach Beginn der militärischen Auseinandersetzung hatten die Heeresverbände des Norddeutschen Bundes unter der Führung Preußens einen Großteil der französischen Armee zwischen der Festung von Sedan und der belgischen Grenze einschließen und zur Kapitulation bewegen können. Die Nachricht von der Gefangennahme Kaiser Napoleons III. löste spontane Siegesfeiern aus, drängten sich doch Analogien zur berühmten „Schlacht bei Waterloo“ auf, in der alliierte preußische und britische Truppen im Jahr 1815 die Kaiserherrschaft Napoleons I. beendet hatten. Mehr als ein halbes Jahrhundert später blendete diese „Vision eines mit der Festsetzung des französischen Monarchen besiegelten militärischen Erfolgs“ (Vogel, S. 203) allerdings die Tatsache aus, dass die Niederlage des napoleonischen Heeres bei Sedan keinesfalls den Schlussakt des Konflikts darstellte. Nach dem Sturz der Monarchie leisteten französische Truppen der Dritten Republik weiterhin militärischen Widerstand, bevor Paris im Januar 1871 endgültig kapitulierte und das Elsass sowie Teile Lothringens abtreten musste.

Im Bestreben, sowohl der siegreichen Schlacht von Sedan als auch der durch die Reichsgründung gefundenen nationalen Einheit ein gemeinsames Andenken zu widmen, wurden nach Kriegsende alljährliche „Sedanfeiern“ organisiert; mit der Einführung eines Erinnerungstags am 2. September etablierte sich das Bild der „Entscheidungsschlacht“ schließlich im historischen Gedächtnis der Deutschen. Die von Reichskanzler Otto von Bismarck über Monate mit den süddeutschen Staaten geführten Verhandlungen über einen Beitritt zum Norddeutschen Bund („Novemberverträge“) traten dabei in den Hintergrund.

Darüber hinaus gerieten auch die Vorgeschichte des Deutsch-Französischen Krieges und dessen Wirklichkeit in Vergessenheit. Um eine preußische Vormachtstellung in Europa realisieren und die deutsche Kleinstaaterei beenden zu können, hatte Otto von Bismarck den Konflikt absichtlich initiiert und Paris mit der sogenannten „Emser Depesche“ zu einer Kriegserklärung verleitet: Der deutsche Sieg „fand seine moralische Rechtfertigung in dem öffentlich wirksam vorgetragenen Vorwurf, Frankreich habe diesen Krieg provoziert, um die nationale Einigung der Deutschen zu verhindern.“ (Kroener, S. 408).

Ferner markierte die Schlacht von Sedan angesichts des massenhaften Artillerieeinsatzes und der deutschen Kriegsverbrechen einen „Wendepunkt in der Militärgeschichte“ (Lorenzen, S. 156); beim Angriff auf das Dorf Bazeilles am Morgen des 1. September 1870 waren Dutzende Zivilisten und Soldaten getötet worden, die sich bereits ergeben hatten.

Nach der Jahrhundertwende nahm das Interesse am „Sedankult“ stetig ab, entsprach doch dessen monarchistische Prägung nicht mehr dem Selbstverständnis der aufkommenden nationalistischen Bewegungen. „Gehalten hat sich demgegenüber bis in die historische Forschung hinein die Chiffre vom ‚Sedantag‘ als Ausdruck für den im Kaiserreich herrschenden ‚Zeitgeist‘ […].“ (Vogel, S. 217).

Literatur

  • Faber, Peter: Bismarcks Reichsgründung. Diplomatie und Staatskunst 1862-1871. Gilching 2015.
  • Kroener, Bernhard R.: Schlachtenmythen als Bestandteil einer politisch instrumentalisierten kollektiven Erinnerungskultur am Beispiel von Leuthen, Sedan und Stalingrad. In: Altrichter, Herbert/Herbers, Klaus/Neuhaus, Helmut (Hrsg.): Mythen in der Geschichte. Freiburg i. Br. 2004, S. 397-418.
  • Lorenzen, Jan N.: Die großen Schlachten. Menschen, Mythen, Schicksale. Frankfurt am Main 2006.
  • Schellack, Fritz: Nationalfeiertage in Deutschland von 1871 bis 1945. Frankfurt am Main 1990.
  • Schneider, Ute: Einheit ohne Einigkeit. Der Sedantag im Kaiserreich. In: Behrenbeck, Sabine/Nützenadel, Alexander (Hrsg.): Inszenierungen des Nationalstaats. Politische Feiern in Italien und Deutschland seit 1860/71. Köln 2000, S. 27-44.
  • Schneider, Ute: Nationalfeste ohne politisches Zeremoniell? Der Sedantag (2. September) und die Erinnerung an die Befreiungskriege (18. Oktober) im Kaiserreich. In: Biefang, A./Epkenhans, Michael/Tenfelde, K. (Hrsg.): Das politische Zeremoniell im deutschen Kaiserreich 1871-1918. Berlin 2008, S. 163-187.
  • Showalter, Dennis E.: Das Gesicht des modernen Krieges. Sedan, 1. und 2. September 1870. In: Förster, Stig/Pöhlmann, Markus/Walter, Dierk (Hrsg.): Die Schlachten der Weltgeschichte. Von Salamis bis Sinai. München 2002, S. 231f.-247.
  • Vogel, Jakob: 2. September 1870. Der Tag von Sedan. In: Francois, Étienne/Puschner, Uwe (Hrsg.): Erinnerungstage. Wendepunkte der Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart. München 2010, S. 201-218.